März 2026 (A180) - Auktionsstart: 19.3.2026, 17:00
–Auktion abgeschlossen
1007. Bonifazio di Pitati, genannt Bonifazio Veronese
(Verona 1487–1553 Venedig)
und Werkstatt
Dives und Lazarus. Um 1545. Öl auf Leinwand. 125,5x271 cm. Gerahmt.
- Geschnitten und doubliert, neuerer Keilrahmen.
Mit einem ausführlichen Gutachten von Prof. Peter Humfrey und Dr. Philip Cottrell, 5. Dezember 2025, wofür wir ihnen danken.
Provenienz:
- Sammlung Grimani Venedig (vgl. Luigi Sernagiotto, Discorso sopra il celebre pittore Bonifacio Veneziano, Venedig 1883, S. 17f.).
- Galleria Natale Schiavoni, Venedig, um 1840.
- Sammlung Herr J.N. von Tchelistcheff, St. Petersburg um 1870 (vgl. Gustav Friedrich Waagen, Die Gemäldesammlung in der Kaiserlichen Eremitage zu St Petersburg nebst Bemerkungen über andere dortige Kunstsammlungen, 2. Ausg., St. Petersburg 1870, S. 433).
Diese Angaben stammen auch aus zwei Briefen von 1939 (im Original vorhanden) und 1941 (in Abschrift vorhanden) von Prof W. von Rakint, ehemaliger Kustos der Eremitage an den ungenannten Besitzer.
- Curt Reinheldt, Berlin.
- Galerie Fischer, Luzern, 21. Juni 1968, von Curt Reinheldt eingeliefert.
- Sammlung Dr. Emil Kern (1914-2014), Agentenhaus, Horgen.
Mit einer Bestätigung vom Artloss Register, dass es bei ihrer Provenienzrecherche keinen Treffer gegeben hat.
Das bisher offenbar unveröffentliche Gemälde wird leider in aktuellen Werkverzeichnis von Bonifacio (Philip Cottrell and Peter Humfrey, Bonifacio de’ Pitati, Treviso, 2023 nicht aufgeführt. Es handelt sich jedoch eindeutig um eine kleinere Variante eines seiner berühmtesten und meistbewunderten Werke, „Der reiche Mann und Lazarus“ (205x437 cm) in der Gallerie dell’Accademia in Venedig, das aus stilistischen Gründen auf ca. 1535/1538 datiert wird. Es gibt mindestens drei weitere Varianten (Kopien nicht mitgezählt), die sich in einigen Punkten mehr oder weniger stark voneinander unterscheiden (wie weiter unten aufgeführt). Aber soweit dies anhand alter Schwarz-Weiss-Fotografien beurteilt werden kann, sind alle diese anderen Varianten von geringerer Qualität als das vorliegende Werk. Das Wiederauftauchen dieses Gemäldes ist auch deshalb von besonderem Interesse, weil es in einem besseren Zustand zu sein scheint als das ziemlich beschädigte Original in Venedig und es in mehreren Bereichen einen hilfreichen Hinweis auf die ursprünglichen Absichten des Meisters gibt.
Die vorliegende Version stammt aus der renommierten Sammlung des Arztes und Philanthropen Dr. Emil Samuel Kern (1914–2014). Kern erwarb das Gemälde 1968 im Auktionshaus Fischer in Luzern. Bis zum Zweiten Weltkrieg befand es sich in Russland. Im Jahr 1870 wurde es von G. F. Waagen in der Sammlung von J. N. Tchelistcheff in St. Petersburg verzeichnet und ist eindeutig identisch mit der Version des Accademia-Gemäldes, von dem Luigi Sernagiotto in einem Vortrag von 1882 berichtete, dass es um 1854 von dem venezianischen Maler, Restaurator und Händler Natale Schiavoni (1777–1858) verkauft worden sei. Sernagiotto fügte hinzu, dass Schiavoni es vor 1842 von der Familie Grimani erworben habe. Zu einem bestimmten Zeitpunkt in ihrer Geschichte, nämlich um 1743, hatte die Version der Accademia ebenfalls den Grimani gehört. Obwohl es durchaus möglich ist, dass Sernagiottos Angaben korrekt waren – und sogar, dass das ehemalige Kern-Gemälde ursprünglich von einem Grimani aus dem 16. Jahrhundert in Auftrag gegeben worden war –, kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Angaben das Ergebnis einer Verwechslung der beiden Versionen waren.
Das Thema basiert auf dem Gleichnis, das Jesus in Lukas 16,19-31 erzählt, in welchem der reiche Mann Dives sich weigert, Mitleid mit dem armen Bettler Lazarus zu haben. Sowohl in der Version der Accademia als auch in der vorliegenden Version ist Dives im linken Vordergrund zu sehen, wie er, begleitet von zwei schönen Frauen, sein Leben voller Vergnügungen geniesst und einem Konzert von drei Musikern lauscht. Auf der rechten Seite befindet sich die zerlumpte und offenbar verkrüppelte Gestalt von Lazarus, dessen Wunden von zwei Hunden geleckt werden und der vergeblich um Brotkrumen vom Tisch des reichen Mannes bettelt. Während die Version der Accademia die Szene unter einer Loggia aus Marmorsäulen ansiedelt, spielt die vorliegende Version in einem Garten, in dem Dives und seine weiblichen Begleiterinnen im Schatten der Bäume sitzen. Auch die Hintergründe der beiden Versionen weisen eine Reihe von Unterschieden auf, insbesondere zeigt die Accademia-Version auf der linken Seite Dives auf seinem Sterbebett, der kurz davorsteht, die Folgen seines sündigen Lebens zu tragen, während eine visionäre Szene oben rechts auf die Moral der Geschichte verweist: Lazarus wird die Freuden des ewigen Lebens im Schoss Abrahams erlangen, während Dives in den Feuern der Hölle brennen wird. In der ehemaligen Kern-Version wird diese Botschaft durch die angenehmeren und beruhigenderen Ansichten der Villa des reichen Mannes auf der linken Seite und des Waldes und der Landschaft auf der rechten Seite deutlich abgeschwächt. Diese Änderungen führen zu einer subtilen Bedeutungsverschiebung zwischen den beiden Versionen: Während der Kernpunkt der Parabel Jesu natürlich derselbe bleibt, ist ihre Visualisierung im Gemälde der Accademia komplexer. Die Botschaft, die der ursprüngliche Auftraggeber, offenbar ein Mitglied der Patrizierfamilie Bragadin, vermitteln wollte, kann so interpretiert werden, dass Reichtum, einschliesslich des Besitzes einer Villa auf dem venezianischen Festland, an sich völlig legitim war, aber dass mit diesem Privileg auch eine Verantwortung gegenüber den weniger Glücklichen einherging. Ein anderer wohlhabender Auftraggeber, der sich zwar von Bonifacios Darstellung der Freuden des Villenlebens angezogen fühlte, lehnte jedoch möglicherweise die Vorstellung ab, dass der reiche Mann in die Hölle geschickt wird, und bevorzugte seine eigene Version, um die kompromisslose Botschaft von Jesu Gleichnis abzuschwächen.
Keine der beiden Versionen ist datiert, aber aufgrund unserer Untersuchung der Chronologie Bonifacios datieren wir das Gemälde in der Accademia auf ca. 1535-38. Wir gehen davon aus, dass die hier angebotene Version etwas später entstanden ist, vielleicht um 1545, in der Phase, in welcher der Maler das attraktive Motiv erfand – das später von seinem Landsmann Paolo Veronese weiterentwickelt wurde –, bei dem Figuren vor einem blassen Hintergrund über einen Balkon blicken. Die Mitarbeit der Assistenten des Meisters ist in diesem Werk deutlicher erkennbar, dennoch bleibt die Qualität hoch, und die Wärme und dekorative Wirkung der Farben sind nach wie vor sehr ansprechend. Nicht weniger ansprechend ist der Aspekt des Genres mit seinem verlockenden Blick auf das Leben der Oberschicht im Venetien der Mitte des 16. Jahrhunderts. Die reich und modisch gekleideten Figuren im Vordergrund, die flirten und musizieren, werden von einem afrikanischen Pagen, der eine Partitur hochhält, sowie von Schosshunden begleitet. Der Tisch ist mit einem luxuriösen türkischen Teppich bedeckt, auf dem eine weisse Leinentischdecke und eine Schale mit Süssigkeiten liegen, von denen einige auf den Teppich gefallen sind. Im linken Vordergrund sieht man zwei weitere Jungen, die Wein trinken. Die Figuren hinter ihnen sind ebenfalls elegant gekleidet. In einer Gasse, die perspektivisch im mittleren Hintergrund zu sehen ist, spielen weitere Figuren eine Partie Bagatelle oder vielleicht Kegelspiel. In der rechten Bildmitte machen sich ein Reiter und sein Hund auf den Weg zur Jagd, während hinter ihnen weiter rechts im Wald eine Hirschjagd stattfindet. Die genreartige Anziehungskraft dieser Details schliesst natürlich nicht aus, dass sie auch symbolische Bedeutungen haben sollen, die die Botschaft der Parabel verstärken, vielleicht auf subtilere Weise als in der Version der Accademia.
Die meisten dieser malerischen Elemente tauchen auch in den anderen drei bekannten Versionen des Gemäldes wieder auf. Diese lassen sich kurz wie folgt zusammenfassen:
1. Desborough-Auktion, Christie’s, 16. Oktober 1953, Los 138. 127x264,2 cm. Erworben in Italien vom 7. Earl Cowper, wahrscheinlich 1874. Dieses Gemälde ist uns in Form einer unscharfen Schwarz-Weiss-Fotografie in der Witt Library bekannt, aber nach dieser und seinen Abmessungen zu urteilen, handelte es sich um eine sehr genaue Nachbildung des hier vorliegenden Gemäldes.
2. Sotheby’s, 3. Juli 1997, Lot 140. 120,2x197,1 cm. Dieses Gemälde behält aus der Version der Accademia die Marmorsäulen im Vordergrund und die Vignetten aus der Parabel im linken und rechten Hintergrund bei. Es ist jedoch quadratischer im Format und eher manieristisch im Stil (was besonders an der Figur des Dives deutlich wird) und kann einem Nachfolger zugeschrieben werden, der nach Bonifacios Tod im Jahr 1553 lebte. Diese Version könnte mit einer Version identisch sein, die sich früher in der Sammlung Mengarini in Paris befand und 1909 der Accademia zum Verkauf angeboten wurde.
3. Sotheby’s, 18. Dezember 1946, Lot 134A. 124,5x216 cm. Früher in der Sammlung von A. H. Godfrey, Canterbury; heute in einer Privatsammlung in London. Die Szene wurde in den Innenhof einer Villa verlegt, die Architektur im Hintergrund wurde komplett verändert und die Figur des Lazarus wurde weggelassen, sodass die Szene nun einfach nur noch das Musizieren zeigt. Ein Vergleich mit der Rückkehr des verlorenen Sohnes in der Galleria Borghese in Rom legt eine Zuschreibung an Bonifacios Assistenten Antonio Palma und eine Datierung in die 1550er Jahre nahe.
Darüber hinaus sind drei Versionen des Gemäldes aus der Accademia zu erwähnen, bei denen es sich eindeutig um verkleinerte Kopien handelt, die deutlich später als zu Bonifacios Lebzeiten entstanden sind:
1. National Gallery, London (NG 3106). Tafel, 47x84,5 cm. 1868 von Sir A. H. Layard in Venedig erworben und von ihm fälschlicherweise für die eigenhändig Skizze des Malers für die grossformatige Version gehalten.
2. Ospedale degli Innocenti, Florenz.
3. Museo Civico, Belluno. 170 x 280 cm. Die Komposition ist auf der linken Seite abgeschnitten. Vermutlich von dem lokalen Maler Paolo Fabris aus dem 19. Jahrhundert.
Wir danken den Herren Peter Humfrey und Philip Cottrell für diesen Katalogeintrag.
Schätzung: CHF 15'000 – 25'000EUR 17'050 – 28'410
Zuschlag: CHF 18'000
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